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Erhalt des Kulturerbes

Kunstschätze in Kirchen

Restaurierung eines Altars
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Restaurierung eines Altars
11.05.2006 - Teneriffa - Bildende Kunst bedeutet auf den Kanaren häufig religiöse Kunst. Insbesondere dann, wenn es sich um die Kunstschätze vergangener Jahrhunderte handelt. Der Eroberung der Inseln durch die Konquistadoren ging die Bekehrung der Seelen durch christliche Missionare voraus. Nicht nur die Werke einheimischer Künstler sind in den Kirchen der sieben Inseln zu finden, sogar in Flandern wurden vor rund einem halben Jahrtausend Kunstwerke in Auftrag gegeben. Doch der Zahn der Zeit nagt an den Bildern und Statuen.

Das Kuppelbild in der  Kirche San Juan in La Orotava mit  ausgebleichten und abgeblätterten Farben
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Das Kuppelbild in der Kirche San Juan in La Orotava mit ausgebleichten und abgeblätterten Farben
Das Wechselspiel von hoher Luftfeuchtigkeit und hohen Temperaturen sorgt dafür, dass die Farben ausbleichen und die Leuchtkraft der Kunstwerke schwindet. Die Bilder sind dann ein Fall für die Firma Cucurma, die von Fernanda Guitían geleitet wird.
 
Die Restauratorin residiert passender Weise in einem renovierten kanarischen Haus im Zentrum von Tacoronte vor dem drei Drachenbäume stehen. In zwei Studios sitzen mehrere Mitarbeiterinnen an einem großen Tisch und tragen Farbe auf Bilderrahmen und alte Leinwände oder schnitzen sorgfältig  Ersatzhände für alte Statuen.
 
Da die Arbeit grosse Sorgfalt erfordert, wird der Arbeitsplatz mit einem Scheinwerfer ausgeleuchtet, obwohl draußen die Sonne scheint. In der Ecke des Raumes wartet eine  lebensgrosse Heiligenstatue darauf, behandelt zu werden. 

Die Kirche San Juan nach der Renovierung
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Die Kirche San Juan nach der Renovierung
Die Arbeit ist nicht ganz ungefährlich, da auch mit scharfen Lösungsmitteln und Lacken gearbeitet wird. Deshalb tragen Restauratoren häufig Gummihandschuhe und Atemschutzmasken. Restaurieren erfordert nicht nur handwerkliches Geschick sondern auch umfassendes kunstgeschichtliches Wissen.
 
Das zeigt der erste Blick in das Büro der Chefin: Die Bibliothek besteht aus drei grossen Regalen, die mit Kunstbänden, Lexika und Fachbüchern in verschiedenen Sprachen vollgestellt sind. Viele Werke stammen von italienischen Autoren.
 
Das liegt vermutlich auch daran, dass Fernanda Guitián nicht nur auf dem spanischen Festland sondern auch in Italien studiert hat. Anschliessend sammelte sie bei verschiedenen Projekten Erfahrungen. 

An Statuen nagt der Zahn der Zeit
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An Statuen nagt der Zahn der Zeit
Sie war  unter anderem im Colosseum in Rom, im Königspalast in Madrid und im Wallfahrtsort Santiago de Compostela tätig, bevor sie vor sechs Jahren ihr Unternehmen Cucurma eröffnete.
 
Auf Teneriffa hat ihre Firma unter anderen Altarbilder in El Sauzal und La Laguna restauriert. Dazu zählen zahlreiche Werke von Cristóbal Hernández de Quitana, einem bedeutenden kanarischen Maler, der im  17. Jahrhundert lebte.
 
Restaurator ist kein Beruf sondern eine Berufung und erfordert eine Ausbildung an der Universität oder den dreijährigen Besuch einer Fachschule. Auf dem Stundenplan stehen  neben Chemie die Fächer Materialkunde und Arbeitstechnik. 
 
Dort lernt man das Anmischen von Farben aus Firnis und Pigmenten oder die Herstellung verschiedener Mörtelarten. Ein weiteres Fach ist „ Kriterien der Restauration“, in dem kunstgeschichtliches Wissen und Arbeitsabläufe vermittelt wird. Außerdem gehört ein Auslandssemester zur Ausbildung, das in der Regel in den Museen und Kirchen Italiens, Grossbritanniens oder Belgien absolviert wird. Reich wird man in dem Job nicht. Reich wird ein Restaurateur nicht. Die Befriedigung liegt in dem, was er tut. Es ist ein  Beruf, „der nicht jedem liegt“, weiss Fernanda Guitián, „denn er erfordert gewissenhafte Arbeit und ein hohes Maß an Konzentration über einen langen Zeitraum. 
 
Es dauert rund vier Monate, um eine Fläche Leinwand von einem Quadratmeter fertigzustellen. Am Tryptichon eines Altares arbeiten sechs Leute ein halbes Jahr lang. Bei jedem Projekt wird nach dem gleichen System vorgegangen. Als erstes wird eine Akte anglegt und eine Fotodokumentation erstellt. 

Nicht nur Farbe blättert an den Heiligenfiguren ab, auch abgebrochene Teile müssen nachgeschnitzt werden
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Nicht nur Farbe blättert an den Heiligenfiguren ab, auch abgebrochene Teile müssen nachgeschnitzt werden
Dann folgt die chemische Analyse. Dabei wird überprüft, ob das Bild bereits einmal nachgebessert wurde. Durch die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht wird das Kunstwerk auf unterschiedliche Farbschattierungen und -flächen untersucht. 
 
Dann wird der Bilderrahmen ausgetauscht, da er in der Regel von Holzschädlingen zerfressen wurde. Die Holzwürmer gedeihen aufgrund des kanarischen Klimas besonders gut. 
 
Sollte auch die Leinwand Löcher aufweisen, werden die fehlenden Stellen mit einem  Leinwandflicken untergelegt. Anschliessend werden die Unebenheiten in der Oberfläche mit größtmöglicher Sorgfakt aufgefüllt, damit in der später aufzutragenden Farbschicht keine Blasen entstehen. 
 
In der Folge wird das Bild mit speziellen Lösungsmitteln gereinigt. Die Alkoholkonzentrierung darf dabei nicht zu hoch sein, da Lösungsmittel, die zu stark ätzen Schäden verursachen können.
 
Danach wird eine Farbe, die zuvor  aus Firnis und Pigmenten gemischt wurde, auf die Leinwand aufgetragen. Dabei wird die aus Italien stammenden  „Rigatino“-Technik angwandt. 
 
Mit schmalen, nebeneinander gesetzten Pinselstrichen werden die Flächen gefüllt. Die Pinselführung ist später nur erkennbar, wenn man das Bild mit Adleraugen betrachtet. 
 
Im abschliessenden Arbeitsgang wird das Gemälde mit einer Schutzfirnis gegen ultraviolette Strahlung versehen. Während kleine Bilder und Statuen in der Werkstatt in Tacoronte auf Vordermann gebracht werden, ist bei größeren Werken ein höherer Aufwand erforderlich. 
 
Häufig müssen Gerüste aufgebaut werden, etwa dann, wenn Wand und Deckenbilder nachgearbeitet werden müssen. Viele dieser Bilder haben lm Laufe der Jahrhunderte Schäden durch Niederschläge erlitten, die durch das Dach oder Mauerwerk ins Gebäudeinnere eingedrungen sind. In der Folge blätterten die Farben und der Putz unter den Wandbildern ab. 
 
So waren auf der Baustelle in der Kirche San Juan in La Orotava schon  an verschiedenen Stellen die Deckenbalken zu sehen. Bei der Restaurierung von Decken und Wänden werden grosse Löcher mit einem leichten Spezialmörtel zugespachtet. Unter Putzschichten, die nicht haften wird mit einer Spritzpistole an verschiedenen Punkten eine Mörtel-Kalkmischung injiziert. Anschliessend wird die Putzschicht mit einer  Platte gegen die Wand gepresst,  bis sie getrocknet ist und haftet. Auf Salz  als Zuschlagsstoff wird verzichtet, da die Farben angegriffen werden könnten. 

Alle defekten Teile der wertvollen Heiligenfiguren werden in sorgfältiger Handarbeit ausgebessert
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Alle defekten Teile der wertvollen Heiligenfiguren werden in sorgfältiger Handarbeit ausgebessert
Verbleibende  getrocknete Wasserflecken mit Lösungsmitteln beseitigt. Auch hier wird die bereits erwähnte „Rigatino-Technik angewandt. Besonders kompliziert ist die Renovierung von Decken-  und Kuppelbildern, da in einer sehr verkrampften Körperhaltung gearbeitet werden muss.  
 
Eine anspruchsvolle Aufgabe ist die Instandsetzung von hölzernen Decken. Häufig müssen die Verbindungsstreben, zwischen Mauerwerk und Decke ausgetauscht werden, da sie von Holzschädlingen zerfressen wurden. Die Schädlinge werden auf verschiedene Art bekämpft. Bei kleineren Werken ist ihre Vernichtung durch das Gas Argon am effektivsten. 
 
Kleinere Objekte werden dabei  luftdicht in Folie eingewickelt Dann wird das für die Schädlinge tödliche Gas eingeleitet wird. Bei der Restaurierung von Statuen ist eine sichere Hand und handwerkliches Können gefragt. 

Die restaurierte Statue
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Die restaurierte Statue
Fehlende oder zerstörte Teile wie  Hände oder Finger werden nicht etwa in eine Form gegossen sondern nach Augenmass nachgeschnitzt. Einzelteile können in der Regel ausgetauscht werden, da der überwiegende Teil Skulpturen nicht aus einem Stück sondern Hohlkörpern besteht, die aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt wurden. 
 
Das bevorzugte Holz der Restaurateure  ist die Zeder, da sie verhältnismässig resistent gegen Schädlingsbefall ist. Löcher in einer Skulptur werden, wenn es ist, möglich mit Holz aufgefüllt, es wird aber auch synthetisches Material verwendet. 
 
Erstaunlicherweise sind auch schon zeitgenössisches Kunstwerke in der Werkstatt von Fernanda Guitián gelandet. Dazu gehörten in letzter Zeit die Bilder des bedeutenden Surreallisten Òscar Dominguez, der vor hundert Jahren in Tacoronte geboren wurde.
 
Anlässlich seines 100. Geburtstags finden in diesem Jahr  viele Veranstaltungen zu Ehren des Malers statt, der einst zur Gruppe um Salvador Dalí gehörte. Im Museum in Tacoronte, das nach dem Künstler benannt wurde.
 
Auch Collagen vom zeitgenössischen kanarischen Vorzeigekünstler Cesar Manrique wurden  in der Werkstatt von Fernanda Guitián restauriert. Das mag auf den ersten Blick erstaunen,  ist aber nicht verwunderlich. Wurde Kunst einst wie ein Handwerk ausgeübt, steht seit der Erfindung der Fotografie, die persönliche Aussage des Urhebers im Vordergrund. 
 
Das macht sich auch bei der Wahl der Materialien bemerkbar. Sollte die  Kirchenmalerei eine Ewigkeit halten, wird heute für den Augenblick produziert. Dabei werden sogar „Autolacke und Zeitungspapier“ als Material verwendet, Werkstoffe an den nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch die ultraviolette Strahlung des Sonnenlichtes viel schneller nagt. 
 
Vielleicht ist es gerade diese Schnellebigkeit, die Fernanda Guitián dazu bewegt hat, mit ihrem Laptop Schulen zu besuchen, um dem Nachwuchs per Power Point-Präsentation die Bedeutung des kanarischen Kulturerbes näherzubringen.