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Die Kanaren vor 170 Jahren

Adel, Kirche und Tagelöhner

Der Hafen in Santa Cruz vor einem knappen Jahrhundert
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Der Hafen in Santa Cruz vor einem knappen Jahrhundert
13.05.2006 - Teneriffa - Die Kanarischen Inseln bezauberten ihre Besucher schon immer durch ihre landschaftlichen Reize. Doch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse erschreckten die Gäste jedoch in der Vergangenheit häufig. So erging es auch Francis Coleman Mac-Gregor Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Deutsche schottischer Abstammung war fünf Jahre lang auf Teneriffa als britischer Konsul tätig.

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Ihn erstaunte vor allem, dass auf den sieben Inseln, die mit vielen natürlichen Schätzen gesegnet sind, damals so viel Armut herrschte. Mac-Gregor verfasste im Jahre 1831 das Buch „Die Canarischen Inseln nach ihrem gegenwärtigen Zustande, und mit besonderer Beziehung auf Topographie und Statistik, Gewerbefleiss, Handel und Sitten", das bei der heute noch existierenden „Hahnschen Buchhand-lung" in Hannover erschien und kürzlich erstmals ins Spanische übersetzt wurde.
 
Mac-Gregor beschrieb in dem Werk nicht nur Natur, Kultur und Sitten der Inseln, sondern analysierte auch die gesellschaftliche Struktur, die seiner Meinung nach eine Ursache für die desolate wirtschaftliche Situation auf den Inseln war. Die Kanaren waren zu dieser Zeit eine Provinz, die zu Andalusien gehörte und wo die Gesetze Spaniens galten.
 
Die Gesellschaft im Jahre 1831 war streng hierarchisch organisiert. An der Spitze stand der Adel, es folgten Verwaltungsbeamte, Militär, der Klerus, eine dünne Bürgerschicht sowie die Bauern und Landarbeiter, die mehr als zwei Drittel der Bevölkerung ausmachten. Zum Hochadel zählten 25 Grafen und Markgrafen. In ihren Händen befand sich der überwiegende Teil des Vermögens der Inseln und das beste Land. Viele von ihnen residierten auf dem spanischen Festland und überliessen Verwaltern die Bewirtschaftung.
 
Der niedere Adel setzte sich aus den sogenannten „hidalgos" (Edelmänner) und „caballeros" (Ritter) zusammen. Die Landbesitzer hatten ihre Güter von der spanischen Krone als Belohnung für die Teilnahme an der Eroberung der Kanarischen Inseln erhalten. Im 19. Jahrhundert besaßen jedoch viele Adelige nicht viel mehr als ihren edlen Namen, oft aus eigener Schuld. Ihre Bildung war meist mangelhaft; Hochmut und Gleichgültigkeit liessen sie in der Stadt leben, anstatt sich um ihren Grundbesitz zu kümmern.

Ausbruch des Teide 1909
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Ausbruch des Teide 1909
Ein Grund dafür war, dass es nur wenige große zusammenhängende Güter gab. Oftmals bestand der Besitz aus einer Vielzahl kleiner Parzellen, die weit auseinder, zum Teil auch auf verschiedenen Inseln lagen, was die Bewirtschaftung erschwerte. Damals mussten alle Wege noch mit Pferd und Wagen zurückgelegt werden. Das Strassenetz war nicht gut ausgebaut; auf Teneriffa und La Palma mussten zudem erhebliche Höhenunterschiede bewältigt werden.
 
Der Klerus war die geistige Elite der Insel. Er umfasste insgesamt 2.000 Personen. Es gab 487 Kirchen und 51 Klöster mit rund 1.000 Nonnen und Mönchen. Die wirtschaftliche Macht der katholischen Kirchen war 1831 allerdings bereits im Vergleich zu den Jahrhunderten zuvor zurückgegangen. Die Kirche und die christlichen Orden hatten im 15. Jahrhundert zahlreiche Ländereien als Belohnung für ihren Beitrag bei der Eroberung des Archipels erhalten. Der einst große Einfluss der Kirche liess sich noch im 19. Jahrhundert am kanarischen Steuersystem ablesen: Die Finanzbehörden verkauften sogenannte „Kreuzzugsbullen", Ablasstitel, mit denen man sich von seinen Sünden freikaufen konnte.
 
Justiz und Verwaltung zählten rund 300 Personen; desweiteren gab es 12.000 Soldaten. Sie alle wurden schlecht bezahlt. Rund 5.000 Familien widmeten sich dem Handel, dem Fischfang und dem Handwerk. Insbesondere die nichtadeligen Händler waren aufgrund des Warenverkehrs mit Amerika eine aufstrebende Schicht. Bereits im 16. Jahrhundert war der Handel auf Teneriffa eine feste Größe gewesen: Wein und Zucker wurden exportiert. Zu dieser Zeit befand sich der Handel auf Teneriffa allerdings in der Hand britischer Geschäftsleute. 
 
Im Laufe der Zeit gab es immer wieder Schwankungen, die durch politische Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent verursacht wurden. So waren die Folgen des Siebenjährigen Krieg eine Ursache dafür, dass Teneriffas Weine auf vielen Märkten durch die Französische Konkurrenz verdrängt wurden.

La Matanza - damals
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La Matanza - damals
Auch das Bündnis zwischen Frankreich und Spanien in den Kriegen im Anschluss an die französische Revolution wirkte sich negativ auf die kanarischen Händler aus, da viele Märkte wegbrachen und war Auslöser für den Angriff des britischen Admirals Nelson auf Santa Cruz im Jahr 1797. Auch der Einmarsch Napoleons in Spanien hatte negative Folgen, da viele Privilegien für die Kanarischen Inseln, wie das Recht auf abgabenfreien Handel mit Amerika, gestrichen wurden.
 
Der Fischfang war vor 170 Jahren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Kanaren, da er Arbeitsplätze schaffte, und für relativ kostengünstige Nahrungsmittel sorgte. Die kanarischen Fischgründe waren erst von den Spaniern entdeckt worden, da die Ureinwohner sich fast ausschliesslich von ihren Viehherden ernährt hatten. Die Fischerei vor den afrikanischen Küsten war allerdings erst nach der Unterzeichnung verschiedener Abkommen zwischen der spanischen Regierung und den nordafrikanischen Staaten möglich. 
 
1831 existierten auf dem Archipel 30 grosse Fischtrawler zwischen 50 und 100 Tonnen, die zu 90 Prozent auf Gran Canaria und Las Palma beheimatet waren. Sie brachen acht bis neun Mal im Jahr zu Fischzügen auf, die bis zu vierzig Tagen dauerten. Dabei hatten die Kapitäne zu Mac-Gregors Erstaunen selten eine fundierte nautische Ausbildung. Sie fuhren ohne Kompass und verliessen sich ganz auf ihre Erfahrung. 

Puerto de la Cruz: Blick von der Plaza del Charco
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Puerto de la Cruz: Blick von der Plaza del Charco
Die Konservierung des Fanges war allerdings mangelhaft. Im Gegensatz zu den Fischern in Neufundland wurden die Fische kein zweites Mal gesalzen und gewaschen, so dass sie bereits nach wenigen Monaten verdarben. Neben den Trawlern gab es rund 140 kleinere Boote, die in Küstennähe ihre Netze auswarfen.
 
Eine industrielle Produktion auf den Kanaren gab es abgesehen von der Seidenherstellung auf La Palma nicht. Die Schicht der Bauern und Landarbeiter umfasste 45.000 Familien und stellte zwei Drittel der Bevölkerung dar. 
 
Bereits kurz nach der Eroberung der Inseln hatte der Adel weite Teile seines Grundbesitzes den landlosen Bauern zur Bewirtschaftung überlassen. Sie mussten den Eigentümern dafür einen Tribut entrichten. Auch für benötigte Zugtiere und Werkzeug wurden Abgaben fällig. Eine nachhaltige Bewirtschaftung interessierte aufgrund dieser Vertragsverhältnisse weder den Besitzer noch den Pächter, so dass sich der Nährwert des Bodens aufgrund der vorherrschenden Monokultur schnell erschöpfte; die Häuser verfielen mit der Zeit. 
 
Auch die Viehzucht wurde mit wenig Weitsicht betrieben. Die Rinder dienten nur zur Zucht und Fleischgewinnung. Die Kühe wurden nicht gemolken, da sie zu kleine Euter hatten. Die meisten Viehherden setzten sich, wie schon zu Zeiten der Ureinwohner aus Ziegen und Schafen zusammen. 
 
Den Bauern und Landarbeitern wurden nur wenige Rechte zugestanden. Nach Mac-Gregors Ansicht waren sie „weniger wert (...) als Sklaven, da sie jederzeit entlassen werden können. Männer, Frauen und Kinder müssen dem Landbesitzer jederzeit zur Verfügung stehen. Sie müssen ihre Pferde und Esel zur Verfügung stellen, wenn der Herr eine Reise machen will. Sie müssen die Ernte ihrer Gärten mit ihm teilen, wenn er es fordert. Wenn das Vieh, dass er auf ihre Feldern schickt, Schäden anrichtet, erhalten die Bauern kein Cent Schadensersatz." 
 
Die Landarbeiter besassen kaum Kleidung. Ihre Kindern froren im Winter. Die Familien hungerten, wenn die Ernte schlecht war. Kein Wunder, dass viele trotz Verbotes nach Amerika auswanderten. 
 
Trotz der Armut gab es auf den Kanaren aber kaum Kriminalität. Selbst in den Städten wurden so gut wie keine Gewaltverbrechen registriert. Die Inselbewohner neigten auch nicht zur Trunksucht, da sie nur in Maßen Alkohol konsumierten. Die Sexualmoral hingegen war sehr sehr rigide. Vorehelicher Sex war verpönt, junge Liebende hatten kaum Plätze, an denen sie sich allein treffen konnten. Uneheliche Kinder galten als Schande und wurden häufig vor den Kirchen ausgesetzt. 
 
Die Bildung war mangelhaft, da kompetente Pädagogen und eine geeignete Ausstattung fehlten. Die Lehrer wurden zum Teil von der Gemeinde, zum Teil von privaten Unternehmen bezahlt. Der Lehrstoff beschränkte sich auf das notwendigste. 
 
Die Jungen lernten Lesen und Schreiben, bruchstückhaft Grammatik, die Grundrechenarten und den Katechismus, den Mädchen wurde nur buchstabieren, etwas lesen und der Katechismus beigebracht. 
 
Für alle Inseln gab es zwei Privatschulen, eine in La Laguna und eine in Las Palmas. Der Versuch einer französischen Familie, 1824 in La Orotava eine Schule zu gründen, wo auch Mathematik, Fremdsprachen, Kunst, Geografie, Latein, Musik und Kunst gelehrt werden sollte, scheiterte am Veto aus Madrid, zumal das Projekt auf Teneriffa nicht unumstritten war. 
 
An der Universität in La Laguna existierte so etwas wie akademische Freiheit nicht. Sie unterstand einem Gremium, dass sich aus Professoren der Theologie, des Kirchenrechts und der Rechtswissenschaften zusammensetzte. Es gab eine „Junta de censura" genannte Disziplinarkommission, die Mac-Gregor an die Inquistion erinnerte, da sie Studierende von der Hochschule verweisen konnte, ohne dass diese das Recht zur Verteidigung hatten.
 
Zum Erhalt der Doktorwürde reichte es nicht nur, die Prüfungen zu bestehen, der Aspirant musste auch eine Lobrede auf den König halten. Allerdings gab es zu allen Zeiten immer Wissenschaftler und Forscher, die von den Kanarischen Inseln stammten. In der Regel erwarben sie ihren Ruhm aber auf dem spanischen Festland oder im Ausland.
 
„Die Canarischen Inseln nach ihrem gegenwärtigen Zustande, und mit besonderer Beziehung auf Topographie und Statistik, Gewerbefleiss, Handel und Sitten".

Centro de la Cultura Popular Canaria
Calle Candelaria / Daute
38203 Laguna
Tel.: 922 82 78 00 / 20 00
www.centrodelacultura.com