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Zwiespätiges Idyll

Teneriffa im 19. Jahrhundert

Der Hafen von Puerto de la Cruz vor einem guten Jahrhundert
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Der Hafen von Puerto de la Cruz vor einem guten Jahrhundert
13.05.2006 - Teneriffa - Heute fliegt man von Teneriffa fünf Stunden nach Deutschland. Eine Reise nach Amerika dauert einen Tag. Das war vor 170 Jahren anders. Da dauerte der Trip von den USA auf die Kanaren einen Monat. Diese Erfahrung musste auch der amerikanische Biologe Daniel J. Brown machen.Er untersuchte die landschaftlichen Gegebenheiten der Insel im Jahre 1833 im Auftrag amerikanischer Weinimporteure.

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Teneriffa befand sich damals in einer tiefen sozio-ökonomischen Krise. Der Weinexport nach England war zum Erliegen gekommen, die Winzer versuchten deshalb die Vereinigten Staaten als Ersatzmarkt zu gewinnen. Gleichzeitig trieben die schlechten wirtschaftlichen Verhältniss viele Inselbewohner in die Emmigration. 
 
D. J. Brown reiste am Dienstag, dem 9. Juli mit der Fregatte „Brandywine“ aus New York ab. Er fragte sich, was ihn erwarten würde, denn er hatte die Weite des amerikanischen Kontinents bisher nie verlassen, dafür aber die amerikanischen Werte der damaligen Zeit verinnerlicht. 
 
Seiner Meinung war er Mitglied einer Nation, deren Angehörige  nicht nur „frei und tugendhaft“, sondern auch „intelligent“, „kräftig“, „edel“ und „mächtig“ waren. 
 
Quarantäne bei der Ankunft
 
Browns Bild von Europa war gespalten. Er wusste zwar, das dort die Wiege der Zivilisation lag und es Demokratiebestrebungen gab, andererseits aber auch Regionen voller „Despotismus und Aberglaube“. Als die „Brandywine“ sich am 10. August Teneriffa näherte, war es derart neblig, dass der Teide nicht zu sehen war. Vor dem Einlaufen in den Hafen von La Orotava, dem heutigen Puerto de la Cruz, wurde das Schiff von einem Zollboot gestoppt. Die Beamten zogen die Pässe ein, stellten strenge Fragen und verordneten der Mannschaft und den Passagieren eine Seemeile vor der Insel eine einwöchige Quarantäne. 
 
Acht Tage später erfolgt Browns Antrittsbesuch beim Generalgouverneur in Santa Cruz. Der Weg von Puerto de la Cruz dorthin war damals 50 Kilometer lang und wurde mit dem Pferd zurück gelegt. Brown beschreibt das Orotavatal als eine rund zwanzig Kilometer lange „entzückende Landschaft“, die an drei Seiten von Bergen eingerahmt ist. Auf seinem kurvenreichen Weg nach La Laguna durchquert er die Dörfer Santa Ursula, La Victoria und La Matanza, wobei ihm der Widerspruch zwischen der friedlichen Landschaft und den martialischen Ortsnamen der beiden letzten Orte auffällt, die übersetzt „Der Sieg“ und „Das Gemetzel“ bedeuten. 
 
Kleinstadt Santa Cruz
 
Brown passiert Plantagen mit Dattelpalmen, Orangen, Bananen, Pfirsichen und Wein, die nicht von Mauern oder Zäunen sondern von dicht gepflanzten Kakteen und Aloe-Gewächsen eingefriedet sind. Santa Cruz war damals eine Kleinstadt mit 6.400 Einwohnern, die einen ärmlicheren Eindruck als Puerto de la Cruz  bei Brown hinterliess, da es hier aufdringliche Bettler gab.
 
Außerdem fällt ihm auf, dass viele Kamele dort als Lasttiere eingesetzt werden. Das macht ihm bewußt, dass Teneriffa geografisch zu Afrika gehört. Die Sehenswürdigkeit des Städtchens ist die Festung, die dem Angriff des britischen Admirals Nelson 34 Jahre zuvor standgehalten hat. Während seines Aufenthaltes besteigt Brown auf drei verschiedenen Routen den Teide. Er wandert über Icod de los Vinos und Guía de Isora bis nach Vilaflor und erforscht die Landschaft.

Blick in Richtung der Plaza del Charco in Puerto de la Cruz
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Blick in Richtung der Plaza del Charco in Puerto de la Cruz
Der Naturforscher besucht auch den Botanischen Garten in Puerto de la Cruz, den bereits Alexander von Humboldt besichtigte und beklagt, dass die Königliche Regierung, die die Anlage als Schenkung erhielt, das Areal verfallen lässt. Die „romantischste“ Ecke der Insel ist für ihn das Gut La Paz, ein „großartiger Herrensitz  zwischen dem botanischen Garten und dem Meer“.
 
Vom Dach des Gutshauses kann das gesamte Orotavatal überblickt werden. Ihn fasziniert auch, wie Wellen am Fuss der Klippen gegen die Felsen prallen. Nach Browns Beschreibung gab es damals auf halbem Weg dorthin eine tiefe Höhle, die einstmals der „Palast eines Guanchenkönigs“ gewesen war.  
 
Faszination Drachenbaum
 
Auch die Drachenbäume,  ein Heiligtum der Ureinwohner Teneriffas bestaunt der Naturforscher. Bereits Alexander von Humboldt hat festgestellt, dass diese Bäume höher als zwanzig Meter werden und in einem Umkreis von bis zu fünfzehn Metern verwurzelt sein können. Da der Drachenbaum,, nach Browns Erkenntnis aus „Indien stammt“, vermutet er, dass „die Guanchen zu einem bestimmten Zeitpunkt Kontakt mit Asien“ gehabt haben müssen.
 
Brown erklärt auch die Entstehung des Namens von Aguamansa, wo heute eine Forellenzucht existiert.  Von diesem Ort, an dem „viele Kastanien von acht bis zehn Meter Umfang stehen“, wurde einst das tiefer gelegene La Orotava mit Wasser versorgt. Die historische Stadt, in der „ zwei Kirchen in einem Abstand von drei Kilometern stehen“, zählte damals 1.200 Einwohner mehr als die heutige Hauptstadt Santa Cruz.
 
In Puerto de la Cruz wohnten zu dieser Zeit knapp 4.000 Menschen. Nach Browns Beobachtung wiesen die damaligen Inselbewohner unterschiedliche Wesenszüge auf, von  „blond und europäisch bis zum schmutzigen häßlichen Hottentotten“. Die Statur variiert vom „läppischen Zwerg“  bis zum „riesigen Guanchen. Im allgemeinen haben die Einheimische eine gelbliche Hautfarbe“, es gäbe aber auch Menschen mit „einer angenehmen und wohlproportionierten Pysignomie. Im Allgemeinen haben sie große dunkle Augen und volles schwarzes Haar bishin zu kastanienbraun. Oft haben sie ein vorstehendes Kinn und eine regelmässige, zum Teil adlerförmige Nase“.
 
Arme Landarbeiter
 
Die Wohnverhältnisse waren der Armut der Bevölkerung entsprechend. Die „Mehrheit der Häuser ist sehr einfach und beschränkt sich auf ein sehr geringes Maß an Zivilisation. Nur eine Handvoll Häuser hat mehr als zwei Stockwerke“, die meisten Gebäude hatten nur ein Geschoss. Viele Häuser hatten „Fenster, aber nicht alle sind verglast“. 
 
Die armen Landarbeiter bauten ihre Hütten sogar aus unbehauenen Steinen und ohne Mörtel. Es waren meist Rundbauten, deren Balkenauflage mit Stroh und Ziegeln bedeckt wurden. Es gab keinen gelegten Fussboden. In einem Raum lebten Jung und Alt zusammen mit den Haustieren. Vielfach wurden auch Höhlen bewohnt. Dort dienten Steine als Sitzmöbel, Farnkraut als Nachtlager.

Puerto de la Cruz - heute
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Puerto de la Cruz - heute
Die Erwerbsmöglichkeiten waren im 19. Jahrhundert spärlich gesät. Es gab Fischer, Händler und Handwerker, de Hirten verkauften die Milch ihrer Ziegen und Schafe. Der überwiegende Teil der Bevölkerung waren arme Landarbeiter. Im Orotavatal sammelten sie Brennholz, das sie per Esel oder auf dem Kopf in die Dörfer brachten und dort zu Spottpreisen verkauften. Es gab auch barfüssige Kinder und Männer in den Dörfern, die mit lhren Maultieren, Kamelen oder auf Kopf und Schultern Waren gegen ein Entgelt transportierten, sogenannte „Nieveros“, sammelten Schnee und Eis rund um den Teide, um es als Kühlmittel in den Orten zu verkaufen.
 
Die Frauen und Töchter der Fischer verdingten sich oft als „cesteras“, fliegende Händlerinnen, die mit ihren Körben im Umkreis von bis zu 15 Kilometern Obst, Gemüse oder Fisch verkauften. Der Tagesablauf war gleichförmig. Die Menschen standen zur Zeit des Sonnenaufganges auf, und nahmen eine Tasse Schokolade mit leichtem Gebäck zu sich. Die Hauptmahlzeit, „während der die stets geöffnete Haustür geschlossen wird“,  fand nach vierzehn Uhr statt. Es gab in der Regel Fleisch, die ärmere Bevölkerung musste mit gesalzenem Fisch, Karoffeln und Gofio vorlieb nehmen. Auf Fuerteventura wurden sogar altersschwache oder verendete Kamele geschlachtet.
 
Frömmigkeit und Aberglaube
 
Mit Befremden nimmt Brown in seinen Aufzeichnungen den großen Einfluss der katholischen Kirche zur Kenntnis. Schon damals zählte zu den „einzigartigen Bussritualen“ die jährliche Zelebration der Jungfrau von Candelaria, bei der „häufig Frauen auf den Knien zur rund 200 Meter entfernten Heiligenstatue rutschen. Dabei haben sie ausgestreckte Arme und in jeder Hand fünf brennende Kerzen. Sie hinterlassen dabei eine Blutspur, unleugbares Zeichen, in welch beklagenswerten Zustand ihre Knie sind“.

Es gab viele religiöse „cofradias“, Laiengruppen in bestimmten Trachten, die bei Prozessionen, aber auch bei Beerdigungen auftraten; ein Brauch der noch heute in der Osterwoche vollzogen wird. Neben der Religion hatten vor allem die „leichtgläubigen Unterschichten“ einen Hang zum Aberglauben. Sie glaubten an „böse Hexen, Gespenster, Kobolde sowie unheilverkündende Zeichen und   Symbole“.

Als besonders bedrohlich galt vor allem der „böse Blick“. Die Menschen glaubten auch, dass alles Hornförmige einen Bann brechen könnte. Darum wurden Knochen in Vogelkäfige oder um den Hals von Tieren gehängt und  abgesägte Rinderhörner an den Wegen der Weinberge angebracht. Wenn ein Landarbeiter auf eine „Hexe“  traf, wendete er sich sofort ab, um der Wirkung des „bösen Blicks“ zu entgehen. Auch Amulette sollten gegen Hexen und Krankheiten schützen. Furcht verbreitete auch der Uhu. Er galt als Vogel des Todes, dessen Gesang erst nach Einbruch der Dunkelheit zu hören war.

Zu den wichtigen gesellschaftlichen Anlässen zählten die Feste und Sport Turniere im Gewichtheben, Handball oder Ringkampf Lucha Canaria. Bereits damals gab es den Karneval. Er fand von Sonntag bis Dienstag statt, doch bereits in den Wochen zuvor zogen kostümierte Menschen umher. Heute ist der Karneval auf Teneriffa eine touristische Attraktion, für den Amerikaner Brown war er vor 170 Jahren hingegen ein „beschränktes Vergnügen des Pöbels, der in schreiender Verkleidung durch die Straßen zieht; seine Dummheiten haben wenig Anmut“. D.J. Browne: „Cartas des las Islas Canarias“, 2005 ins Spanische übersetzt. Erschienen bei:

Centro de la Cultura Popular Canaria
C/Daute Candelaria
38203 La Laguna
Tel.: 922 82 78 00 /20 00
Fax: 922 82 78 01
www.centrodelacultura.com